JüDISCHES THEATER AUSTRIA GEORGE TABORIS "WEISMAN UND ROTGESICHT" IM FORUM
[English translation is forthcoming.]
Diese Erkenntnis steht schon am Anfang der Geschichte: Das Leben fließt nicht stillschweigend, mir nichts dir nichts quasi, vor sich hin. Von dieser Bewusststeinslage bleibt auch Arnold Weisman, mit leicht behinderter Tochter am Rand einer amerikanischen Wüste Auto stoppen wollend, keineswegs verschont. Im Gegenteil. Und wenn sich Rotgesicht einstellt, der ebenda Selbstmord begehen möchte, schlägt ihnen die Stunde der Wahrheit.
High Noon. George Tabori lädt mit dem köstlich-hintergründigen Stück "Weisman und Rotgesicht" seine hochbrisante Winchester durch. Und er lädt uns ein – zum Zu- und Hineinhören, zum Erfahren der Zwischentöne. Juden und Indianer, Weisheit und Zwiespalt, Weite wie Enge peppeln sich gegenseitig hinauf. Der amerikanische Geschäftsmann Weisman – mit der Urne seiner verstorbenen Frau unterm Arm und seiner grenzdebilen Tochter im Schlepptau – sucht nach Auswegen. Der stolze Indianer Rotgesicht, selbst Opfer eigener Identitätskrise, verweigert sie ihm. Ein Minderheiten-Cocktail von berauschend-humoriger Mischung braut sich da zusammen. Ein Rollentausch im Niemandsland.
Das Jüdische Theater Austria zeigt, kooperierend mit dem Grazer Schauspielhaus und dem hiesigen Forum Stadtpark Theater, dieses Kleinod aus der überbordenden Ideen-Schatztruhe Taboris. Unter Wojtek Klemms vorsichtig-zielsicherer Regie blühen die Typen auf, entwickeln sich die Charaktere: Da ist Erik Göller (man darf sich von ganz neuen Facetten dieses sympathischen Darstellers überraschen lassen) ein gerissen-hintergründiger Weisman. Da gibt Nadja Brachvogel eine berührend-innige Tochter Ruth: beschränkt – und doch so frei von Augenblick zu Augenblick. Da ist C.C. Weinberger ein Indianer wider Willen, dem der Stolz langsam aber sicher abhanden kommt.
Klezmer-Jazz mit Filmmusik-Untertönen steuert Kurt Bauer bei. Und am Ende, wenn sich die Gänsehaut beruhigt hat, darf das Publikum im Grazer Forum aufatmen: Viel ist geschehen, doch wieder nichts passiert in Sachen Bewältigung der Unterschiede. Oder doch? High Noon, immerhin. Geistreiche Konfrontation. Eine Übungsstunde in Sachen Menschlichkeit.