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Denken + Glauben - Jan. 01, 2000


Jüdische Seinsweisen


Ein Streifzug durch die bunte Palette jüdischer Identitäten
[English translation is forthcoming.]

"Be pleased we′re different." Heute würde sie ihren Kindern nicht mehr sagen, was sie einst von ihrer Mutter als Trost für vieles eingeschärft bekam: "Sei froh, dass wir anders sind." Heute würde sie zu ihren sechs Kindern einfach sagen: "Wir sind anders". Es ist, was es ist - das Faktum, in einer eindeutig nichtjüdischen Umgebung jüdisch zu sein.

Heute würde sie (Marguerite Dunitz-Scheer) ihren Kindern nicht mehr sagen, was sie einst von ihrer Mutter als Trost für vieles eingeschärft bekam: ′Sei froh, dass wir anders sind.′ Heute würde sie zu ihren sechs Kindern einfach sagen: ′Wir sind anders.′

Die Kinderärztin Marguerite Dunitz-Scheer ist in vielem anders als andere: geboren in Washington D.C. als Tochter eines "Fast-Nobelpreisträgers in Chemie", aufgewachsen in Zürich, seit langem in Graz, Mutter von sechs Kindern aus zwei Ehen, Vortragsreisende und Publizistin in Sachen "Mutter-Kind-Interaktionsstörungen", vierfache Staatsbürgerin, "nirgends zu Hause" - und Jüdin. Eine Tatsache, die sich in ihrer Kindheit als stigmatisierend erwies, doch heute oftmals stärkt: "Heute gehört das Nichtdazugehören längst zu einem integrierten Teil meines gar nicht so kleinen Selbstbewusstseins und Identitätsgefühls," schreibt Dunitz-Scheer in einer Selbstanalyse, um schließlich zu kapitulieren "Irgendwo habe ich es längst aufgegeben zu versuchen, das Faktum des Anderssein in diesem Leben noch loszuwerden."

Ein Anderssein auf mehreren Ebenen. So fehle etwa im Judentum - anders als im Christentum oder Islam - der Bekehrungsdrang: "Das hat schon fast etwas mit Paranoia zu tun. Bei einer jüdischen Mutter weiß man sozusagen, woraus man geschlüpft ist," meint Dunitz-Scheer. Diese "antimissionarische" Haltung sei mitunter ein Grund für Ressentiments, denn "der Jude will in Ruh gelassen und leben gelassen werden. Dieses Grundbedürfnis, sich weder anzupassen noch zu missionieren, das ist wohl irgendwie bedrohlich."

Weniger bedrohlich als vielmehr komplex erscheinen vielen die jüdischen Speisengesetze, wonach das Fleisch vom Fleischhauer (Schochet) ausgeblutet werden muss, Schweinefleisch zu meiden oder Milchiges und Fleischiges getrennt zuzubereiten ist. Bisweilen paart sich hier falsches Verständnis mit dem Vorurteil, Jüdinnen oder Juden wollten sich mit "koscherer" Lebensweise bewusst von ihrer nichtjüdischen Umwelt abgrenzen. "Sich abzugrenzen ist das Letzte, was einem Juden einfällt", korrigiert Dunitz-Scheer solche Interpretationen. "Es geht um Reinheit und Unreinheit - und diese Trennung ist überhaupt nicht schwer." Ihre Familie jedenfalls lebt "semikoscher", bezieht das koschere Fleisch aus Wien oder von jenem Lammlieferanten, der auch die Muslime beliefert, verfügt über zwei Kühlschränke und hält den Sabbat. Das freitagabendliche gemeinsame Essen mit dem vom Familienvater gesprochenem Gebet und "Lob an die Frau" sei ein Fixpunkt, erzählt auch ihre 14-jährige Tochter Elisabeth: "Prinzipiell sind wir alle da, außer jemand hat eine wirklich wichtige Angelegenheit zu erledigen." Dem Faktum des Anderssein kann die Gymnasiastin nichts abgewinnen: "Ich habe mit meiner Identität kein Problem, weil es keinen Unterschied macht. Wir sind nicht anders" betont sie energisch, um später von ihrem Schulwechsel zu erzählen, weil an ihrer alten Schule "Hakenkreuze herumgeschmiert" worden seien. War ihre 20-jährige Schwester Anna in Wien jahrelang als Gruppenführerin des Jugendvereins "Haschomer Hazair" ("Die Jugendwächter") engagiert und "leidenschaftliche Zionistin", so träumt ihr jüngerer Halbbruder Aaron vom GAK und einer Karriere als Musikclown.

Apropos: Auch im Humor pflege man gewisse Eigenheiten, weiß seine Mutter. So bestehe der jüdische Witz darin, "dass man sich selbst auf den Arm nimmt. Er macht sich nicht über andere lustig, sondern schaut sich selbst in den Spiegel." Selbstreflexion durchziehe das gesamte jüdische Denken, illustriert sie an einem Erziehungsphänomen: "Wenn die Kinder fragen: ,Warum ist das ein Apfel?′ dann lautet unsere Antwort nicht: ,Ein Apfel ist ein Apfel′, sondern ,Das ist ein Apfel, weil wir ihn so nennen.′ Wir lehren die Kinder die relativistische Betrachtung - es herrscht eine ununterbrochene Distanzierung, ungebrochen durch den Holocaust." Jener Versuch der planmäßigen Ermordung eines ganzen Volkes ist wohl die nachhaltigste Erfahrung, die Jüdinnen und Juden von anderen unterscheidet: "Für die Juden ist der Holocaust einfach da und niemals nicht."

"Wir haben weniger Christen umgebracht als Christen uns, doch auch die Schuldgefühle können einem auf die Nerven gehen," kommentiert ihr Mann, der Kindertherapeut Peter Scheer dieses dunkle Kapitel christlich-jüdischer Geschichte betont provokant. Im Dialog der beiden abrahamitischen Religionen - der übrigens wie jeder Dialog "mühsam" sei - erwarte er sich vor allem "gegenseitige Achtung und Verständnis für die Unterschiede." Dass letztere existieren, sei Tatsache und gut - frei nach dem Motto: "Was Gott getrennt hat, das soll der Mensch nicht verbinden." Für den in Tel Aviv geborene Scheer, der mit jenen groß wurde, "die aus dem Lager gekommen sind", hat der Leidensweg der Juden vornehmlich einen Grund: "Die Juden glauben an die Besserungsfähigkeit des Menschen hienieden. Das ist unser Unglück, dafür hasst man uns."

Antijüdische Ressentiments der gröberen Art sind auch Warren Rosenzweig nicht unbekannt. Der in New York geborene "Theatermacher mit besonderem Bezug auf das Andere" entging nach eigenen Angaben in Kärnten nur knapp der Attacke eines "ortsbekannten Nazis". "Ich arbeitete für ein paar Wochen auf einem Bauernhof und wurde von meinem Freund als Warren aus New York vorgestellt", erzählt der 41-Jährige das traumatische Erlebnis. "Als ich einmal einen Brief bekam mit meinem vollständigen Namen, ging der Bauer mit einem Messer auf mich los". Dieser Angriff habe ihm auch einen bisher unbekannten Aspekt seines Namens bewusst gemacht: "In New York dachte ich immer, Rosenzweig ist einfach ein deutscher Name. Doch hier erfuhr ich erstmals, dass er jüdisch klingt."

Nach Graz schließlich kam er "wegen der Liebe" - und um die jüdische Kultur besser kennen zu lernen. "Doch es gab sehr wenig kennen zu lernen." Sein Entschluss, ein jüdisches Theater zu gründen, stieß nicht gerade auf helle Zustimmung der jüdischen Gemeinde, rekapituliert Rosenzweig: "Wie bei der Synagoge, die uns ja ,zerbrochenes Glas bescheren könnte, gab es auch beim Theater die Angst, dass es uns Pech bringen könnte." Dennoch: Das "Jüdische Theater Austria" mit über 100 internationalen Mitarbeitern wurde aus der Taufe gehoben - ein Anklang an jene kleine, aber äußerst rege jüdische Theaterszene vom Ende des 19. Jahrhunderts bis 1938 in Wien. War ursprünglich vorgesehen, das Theater anlässlich der Synagogenübergabe mit einer jüdischen Komödie zu eröffnen, so wurde nach der Regierungsumbildung vom Februar dieses Jahres umdisponiert: "Zwischenfall in Vichy" von Arthur Miller stand nun am Programm - um kurzerhand wegen ausgefallener Subventionsgelder auf kommenden März verschoben zu werden.

Für Warren Rosenzweig bedeutet die Theater-Gründung mehr als irgendein Projekt. "Jüdisches Theater in dieser Stadt ist ein wichtiger Weg, aufzumachen: Um es den Nichtjuden leichter zu machen, zu verstehen, und den Juden, sie selbst zu sein. Durch das Theater werden viele negative Mysterien weggenommen, und neue Geheimnisse brechen auf." Graz brauche ein jüdisches Theater, um überhaupt die Möglichkeit zu erhalten, jüdische Kultur kennen zu lernen. Ernüchternd gestaltet sich indes Rosenzweigs Diagnose über die Möglichkeit, hierzulande selbstbewusst als Jüdin oder Jude zu leben: "In Österreich ist Assimilation ein diktatorisches Konzept. Das habe ich noch nie erlebt. Assimilation in Österreich heißt: Ich bin nicht jüdisch, meine Mutter ist jüdisch! Das hier ist kein Platz, wo man stolz darauf ist, Jude zu sein."

Weniger als "praktizierender Jude", vielmehr "als gläubiger Mensch" definiert sich der Grazer Therapeut und Sänger Aron Saltiel. An seiner jüdischen Identität ändere das freilich nichts, denn "man ist nicht weniger oder mehr Jude, wenn man am Rand oder im Zentrum der Gemeinde steht." Die Situation hierzulande sei auch für ihn als sefardischer, aus der Türkei stammender Jude mit spanischen Vorfahren nicht immer einfach: "In Amerika ist das Bewusstsein gegenüber Juden relativ neutral. Ich bin Jude - so what? In Österreich ist man stigmatisiert. Mir ist aber wichtig, dass ich nicht nur als Jude gesehen werde, sondern auch als Mensch."

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Friederike Habsburg-Lothringen: Ich bin äußerlich der gleiche Mensch, aber ich lebe ein anderes Leben - mit der Tora. Ich bin zu den Wurzeln zurückgekehrt.

Erika Tropper und Avschalom Eliassi sind alltäglich herausgefordert: Die katholische Landwirtstochter aus Feldbach und der traditionelle Jude aus Tel Aviv führen vor, wie eine interkulturelle, interreligiöse Beziehung gelingen kann - und wie sie bisweilen zum Problem wird. Fünf Kinder hätten sie zusammen, erklärt die junge Mutter, "davon vier Buben - alle beschnitten". Wie eine solche Partnerschaft möglich ist? "Man muss Kompromisse schließen," weiß Tropper. "Bezüglich der religiösen Erziehung meiner Kinder sollen sie selbst entscheiden dürfen. Jetzt werden sie aber jüdisch erzogen. Mir persönlich ist lieber, sie werden gute Juden als sie wachsen ohne Glauben auf." Während sie mit den Kindern deutsch spricht, unterhält sich ihr Vater mit ihnen auf hebräisch und unterrichtet sie zudem in jüdischer Religion. "Es ist immer spannend, wenn Religionen aneinander treffen", ist Erika Tropper überzeugt. "Doch einfacher ist es sicher, wenn eine Religion vorherrscht."

Ein religiöses Zusammentreffen und ein jüdisches Selbstverständnis der etwas anderen Art findet sich im Kärntner Wolfsberg. Friederike Habsburg-Lothringen, seit jeher "interessiert am Phänomen Antisemitismus" und engagiert im christlich-jüdischen Dialog, hat sich immer mehr daran gestoßen, wenn Leute es sich zu einfach machten. "Ich habe gemerkt, dass ein großer Antijudaismus vorhanden ist. Einmal ist sogar während einer Predigt eine ungute Äußerung gefallen. Nach diesem Erlebnis habe ich mir gedacht, ich muss mir das Judentum nicht mehr von Christen erklären lassen." Die aus traditionell katholischem Haus stammende Habsburg begann, sich mit jüdischen Schriften zu beschäftigen. Zugleich erlahmte das Interesse am christlich-jüdischen Dialog, denn "beides geht nicht: die intensive Beschäftigung mit dem Jüdisch-Sein und der Dialog." 1992 schließlich konvertierte sie zum Judentum - keine leichte Situation für die Familie: "Mein Mann lebt nach wie vor katholisch, und wir zusammen leben ganz gut in dieser gemischten Ehe. Doch es ist nicht leicht." Den Sabbat in Wolfsberg feiert sie selbst, einmal pro Monat jedoch fährt sie "wegen der Gemeinschaft" nach Wien. Ihr Haushalt sei koscher, erklärt Habsburg-Lothringen: Das Fleisch bezieht sie aus Wien; ansonsten wirft sie einen Blick auf die Produktdeklaration. "Aber ich bin nicht derart orthodox religiös - sonst wäre ein Leben hier nicht möglich." Wie sich die Konversion auf ihr Leben ausgewirkt habe? "Ich bin äußerlich der gleiche Mensch, aber ich lebe ein anderes Leben - mit der Tora", sieht sie ihren Glaubenswechsel als Lebenseinschnitt. "Ich bin zu den Wurzeln zurückgekehrt. Doch um sich mit dem Judentum zu beschäftigen reicht ein ganzes Leben nicht."

Doris Helmberger

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