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Die Presse - Sept. 29, 2004


Wie man aus Äpfeln Lehm macht


[English translation is forthcoming.]

Eine alte Frau (Inge Maux) sitzt im Lehnstuhl, spricht mit ihrer Enkelin (deren Part ebenfalls sie – mit veränderter Stimme – spielt). Das Mädchen bereitet gerade "Charoset" zu, eine Süßspeise, die traditionell zum Sedermahl, dem ersten Mahl des Pessach-Festes, serviert wird.

Die Großmutter leitet das Kind, erklärt Traditionen ("Charoset" ist eine Art Apfel-Nuss-Zimt-Masse, der an den Lehm erinnern soll, den die Israeliten für den Bau der ägyptischen Städte brennen mussten – in der Pause wird eine Kostprobe davon serviert). Es folgen Episoden aus der Familiengeschichte. "Passover", eine Kurzgeschichte des amerikanischen Autors David Mamet hat Warren Rosenzweig für das Jüdische Theater Austria in Szene gesetzt: Dabei stehen die Dialoge im Vordergrund (von Inge Maux sehr überzeugend präsentiert), die Bühne besteht lediglich aus einem Stuhl, zwei Kerzenleuchtern und einer Riesen-Thora. Das Ergebnis: Eine lebendige Schilderung jüdischer Rituale – nicht mehr und nicht weniger.

Dem islamischen Fastenmonat Ramadan widmet sich der zweite Teil des Abends. "Ramadan" ist eine Kurzgeschichte der irakischen Autorin Huda Al-Hilali. Warren Rosenzweig hat den Text für die Bühne adaptiert. Eine Mutter und ihre zehnjährige Tochter stehen hier im Mittelpunkt, die Mutter versucht, ihrem Kind den Nutzen des Fastens näherzubringen. In teils komischen, teils rührigen Szenen entspinnt sich so ein Dialog über den Sinn von Traditionen und Ritualen. Anne Wiederhold verkörpert sehr eindrucksvoll sowohl die charmant-neckische Hadawi als auch deren zwischen Genervtheit und Rührung schwankende Mutter. Ein amüsanter Streifzug durch die Fantasien einer durchtriebenen Zehnjährigen, einen Souk in Bagdad und den Alltag einer arabischen Familie.

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