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Tiroler Tageszeitung - Nov. 19, 2001


Zeugnis für die Nachwelt ablegen


Teile der Tagebücher von Viktor Klemperer erweckte George Bartenieff zu bedrückendem Leben
[English translation is forthcoming.]

HALL Sein ganzes Leben lang hat Viktor Klemperer (1881-1960) Tagebuch geschrieben. Geboren als Sohn eines Rabbiners trat er bald zum Protestantismus über und machte als Romanist Karriere. 1913 heiratete er die nichtjüdische Musikwissenschaftlerin Eva Schlemmer. 1920 erhielt er einen Lehrstuhl an der TU-Dresden, den er 1935 wegen seiner jüdischen Herkunft verlassen musste.

Auf fast 2000 (Druck) Seiten schildert er die Zeit zwischen 1933 und 1945, immer verfolg von der Angst, seine für die Nachwelt bestimmten Aufzeichnungen könnten entdeckt werden und für ihn und seine Ehefrau tödlich enden. Das Tagebuch gibt Kunde vom Abstieg eines angesehenen Bürgers zum Abschaum der Gesellschaft, den nur die "Mischehe" vor der Deportation ins Konzentrationslager rettet. Die Jahre sind geprägt von Vermögensentzug, Hausdurchsuchungen, Zwangsarbeit, Lebensmittelrationierung bis an den Rand des Hungertodes, Gestapo-Gewalt und den Verlust aller Freunde.

Aus der 1998 erschienenen englischen Übersetzung hat die amerikanische Regisseurin Karen Malpede einen Zwei-Stunden Monolog destilliert zusammen mit dem Schauspieler George Bartenieff, der als Berliner Kind einer Mischehe seine ersten Lebensjahre in Nazideutschland verbrachte. Der Monolog beginnt mit Jänner 1942 und endet im Juni 1945 mit der Rückkehr ins vom Ariseur verlassenen Eigenheim. Die kargen Requisiten der Wanderbühne – Kleiderständer, zwei wackelige Holztischchen, Bücherstapel – spiegeln die damalige Realität wieder. George Bartenieff entspricht ungefähr dem damals über sechzigjährigen Autor und hat sich im Aussehen ebenfalls verblüffend angepasst. In korrekter dunkeler Kleidung verkörpert er als "Gesternter", wie Klemperer die Träger des Judensterns nennt, trotz aller Lebensgefährdung noch immer die Menschenwürde. Er macht deutlich, dass Todesangst, Verzweiflung und Krankheit den unbeugsamen Willen nicht brechen können: Zeugnis abzulegen bis zum Letzten.

Gretl Köfler

© 2001 Tiroler Tageszeitung