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art in migration - May 01, 2007


The Window to Revitalization


[Excerpt in English; complete text in German follows below.]

A diversity of scenic awareness for the Jewish cultural Diaspora is assembled under a paradigm of healing in a theater festival and world congress in Vienna.

By Georg Demmer

The seven-day festival, named after an ancient, mystical injunction, TIKUN OLAM (a call for the healing of the broken; for a positive new beginning out of the experience of the past), delivered a rich and diverse performance program. Its great spectrum and internationality successfully conveyed [to the public] a refreshing and provocative selection of Jewish theatrical content. The maxim contained in the title has been a central theme of the presenter, the Jewish Theater of Austria (JTA), ever since this institution was founded […]

TIKUN OLAM also centered on the Nestroyhof, of course, and the efforts of JTA to see justice finally done (more information at: www.nestroyhof.at). Unfortunately, JTA did not take advantage of the unique opportunity to present one of its own productions within this befitting framework. In addition to a reading from [a play by] Rosenzweig, however, also the play “My Brooklyn Hamlet,” by his sister, Brenda Adelman, was shown, based on the story of how their mother was shot to death by Adelman’s father. The way to healing the broken may seem tough; much tougher, however, are those who embark upon it.

Copyright © 2007 art in migration

(trans.: JTA)


Complete text in German:

Das Fenster der Wiederbelebung


Die Vielfalt des szenischen Bewusstseins für die jüdisch kulturelle Diaspora versammelte sich unter einem Paradigma der Heilung – bei einem Theaterfestival und Weltkongress in Wien.

Von Georg Demmer

Vor etwa einem Jahr wurde man noch zur „Office Party“ in das Büro des Jüdischen Theaters Austria (JTA) in die Rossauergasse eingeladen, kurz darauf hieß es: Sie sind pleite und müssen ausziehen. Dann die nächste Einladung: Eröffnungsfeier des neuen Büros! Wunderbare Räumlichkeiten, die nicht nur als Büro, sondern unter dem Namen „The Window“ auch als kleiner Veranstaltungsort genutzt werden; in guter Lage der Kandlgasse, Wien 7., als Nachbarn eine Polizeistation und Wiens Wildplakatierer Peter Fuchs. Und nun, noch ein kräftigeres Lebenszeichen: TIKUN OLAM - ein Jüdisches Theaterfestival und Weltkongress!

Ursprünglich hatte es den Anschein, Warren Rosenzweig, der Gründer und Leiter des JTA würde im Kampf gegen jene, die ihm nicht folgten, unterliegen, und womöglich an seinen übergroß scheinenden Projekten und seinem verbissenem Engagement zugrunde gehen; aber seine Kraft wurde falsch eingeschätzt. Mit viel Anstrengung schafften es Rosenzweig und sein Team nicht nur ein anspruchvolles und umfangreiches Programm für ihr neues Theaterfestival zusammenzustellen, sondern vor allem diese Vorstellungen auch durch eine Vielzahl wichtiger Institutionen zu finanzieren. Das Kulturamt der Stadt Wien hatte im vergangenen September einen Subventionsantrag noch abgelehnt und schlussendlich 45.000 Euro zugeschossen. Ob der Regierungswechsel oder der Ehrenschutz des Bundespräsident Dr. Heinz Fischer dafür verantwortlich sind, bleibt offen. Auf jeden Fall wurden die Geldnöte damit nicht gedeckt. Es wurde sogar noch während und nach dem Festival Kleinsponsoren aufgenommen.

Von Brooklyn nach Wien

Der radikale Weg scheint diesmal der richtige gewesen zu sein. Alles auf eine Karte. Lebe oder gehe zu Grunde! Man kann beeindruckt sein. Es gibt sie noch, die Idealisten. Menschen, die fanatisch ihren Weg verfolgen, ohne sich beirren zu lassen und märtyrerhaft so manches auf sich nehmen, um schlussendlich doch zu siegen: Warren Rosenzweig ist ein internationaler Mensch, in Brooklyn geboren, seit dem neunten Lebensjahr in der Theaterbranche. Sein Format passt so gar nicht in eine Stadt wie Wien, in der man kompromissbereit und diplomatisch – mit dem so genannten „Schmäh“ ans Ziel kommt. Der Kompromiss wird in Wien leider groß geschrieben, obwohl ein lösungsorientierter Konflikt ergebnisreicher sein könnte.

Das siebentägige Festival, mit dem Namen des uralten mystischen Aufrufs: TIKUN OLAM (eine Aufforderung zur Heilung von Zerbrochenem, zu einem positiven Neubeginn aus den Erfahrungen der Vergangenheit) ist mit einem umfangreichen und abwechslungsreichen Programm über die Bühne gegangen. Die angekündigte Auswahl von erfrischenden und provokanten Inhalten jüdischer Theaterkunst könnte man durch die große Bandbreite und Internationalität als gelungen bezeichnen. Der namensgebende Leitspruch war bereits bei der Gründung des Veranstalters JTA, das zentrale Thema dieser Institution, genauso wie die Schwerpunkte des Festivals: soziale Kritik, Kunst, Politik, Religion, u.a. Die Programmierung des Festivals stellte jedenfalls einen Kraftakt dar.

Auseinandersetzung am Rande

Viele, verhältnismäßig kleine Probleme bereiteten der Organisation schweißtreibende Überstunden; für das Publikum weitgehend unbemerkt. TIKUN OLAM wurde als sehr ansprechend und qualitätsvoll empfunden. Mitunter sorgten beispielsweise die etwa fünfstündige Probenprozess-Aufführung der russischen Gruppe labaraTORIA.golem aus Moskau oder die fantastische Solo-Performance „Dybbuk“ von Irina Andreeva für Furore. Auch der Schafe hütende Lebenskünstler und Sänger Hans Breuer kam zu Wort und spielte im „The Window“ auf, im Gegensatz zum angekündigten Performer Steven Cohen aus Johannesburg, der ohne sein „Chandelier“ Kostüm anreiste und schlussendlich seine Aufführungen verweigerte, da u.a. die Raumhöhe nicht seinem Konzept entsprach. Vor seiner Ersatz-Video-Darbietung verkündete er sogar, er würde auf keinem Fall für die Mitglieder des Jüdischen Theaters auftreten, sondern an einem geheimen Ort in der Stadt.

Die große Auseinandersetzung, die Rosenzweig mit seinen Aktivitäten bekannt machen wollte, blieb etwas am Rand liegen. Natürlich ging es bei TIKUN OLAM auch um den Nestroyhof und das Bemühen des JTA, endlich Gerechtigkeit zu schaffen (mehr Information unter: www.nestroyhof.at). Leider nützte das JTA die einmalige Gelegenheit nicht, inmitten dieses gebührenden Rahmens, mit einer eigenen Produktion Präsenz zu zeigen. Jedoch wurde neben einer Lesung und Performance von Rosenzweig das Stück „My Brooklyn Hamlet“ seiner Schwester Brenda Adelman gezeigt. Es handelt von der gemeinsamen Mutter, die von Adelmans Vater erschossen wurde. Der Weg zur Heilung von Zerbrochenem scheint ziemlich widerstandsfähig zu sein, weitaus mehr jedoch die Menschen, die ihn beschreiten.

Copyright © 2007 art in migration