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Datum - Sept. 01, 2004


Toleranztheater


Mit dem jungen International Jewish Theatre Ensemble gelingt es Warren Rosenzweig, jÜdische Kultur auch fÜr Gojims transparent zu machen
[English translation is forthcoming.]

Er wurde mit dem Messer gejagt. Nachdem er in Jugendjahren einen Monat bei Kärntner Bauern gejobbt hatte, musste er überstürzt aus dem Haus der Gastgeber fliehen. Vertreiben ließ Warren sich trotzdem nicht.

Sie hatten einander gemocht. Bis sie auf einem Brief seinen Nachnamen Rosenzweig entdeckten. Das hasserfüllte "Verdammter Jude, verschwinde aus unserem Haus!" hat Warren nie vergessen. Der jüdische Amerikaner hatte, ohne es zu ahnen, einen Monat bei ehemaligen Nazis gelebt. Warren Rosenzweig, Leiter und Regisseur des Jewish Theatre Austria, hat sich davon nicht abschrecken lasen. Er sei einer, der Ruhe ausstrahlt, sagen Leute, die ihn kennen. Jemand, der für den offenen Dialog eintritt zwischen Juden und Nichtjuden. Nichts weniger als die Wiederbelebung eines goldenen Zeitalters der Kultur ist sein Ziel. Dafür stellte er im Frühjahr ein fixes Ensemble zusammen. Mit bescheidenen Mitteln privater Unterstützer. So probt die Gruppe einmal hier, einmal dort. Drehbücher aus aller Welt landen heute bei dem ehemaligen Leiter eines New Yorker Experimentaltheaters auf dem Schreibtisch. Hin und wieder wird er skeptisch, wenn ein schweres Kuvert ohne Absender im Postfach liegt. "Ich habe keine Angst als Jude, aber ich bin vorsichtig."

Angst und Ausgrenzung sind zentrale Themen des International Jewish Theatre Ensemble. Sei es im aktuell geprobten Stück "Die Judenstadt", das das Leben Theodor Herzls und den Rassismus thematisiert. Oder aber in aktuellen Debatten über die Verschlossenheit jüdischer Institutionen. "Unsere Kultur darf nicht ausschließlich hinter den verschlossenen Türen der Synagogen stattfinden. Wir müssen unsere Kultur für andere zugänglich machen, sonst ist sie für Außenstehende unsichtbar." Das will Rosenzweig mit allen Mitteln verhindern. Anträge um Unterstützung bei der Stadt Wien stehen an. Über die Förderung künftiger Produktionskosten sowie die Renovierung des 1938 arisierten jüdischen Theaters Nestroyhof soll im Oktober entschieden werden. Das Jugendstiljuwel in der Wiener Praterstraße war einst ein Zentrum jüdischer Kultur und soll es nach dem Willen Rosenzweigs auch wieder werden. Vorübergehend fand sogar ein Supermarkt im ehemaligen Theatersaal Unterschlupf. Die Kunden ahnten nicht, dass sie ihre Einkaufswägen durch die Sitzreihen eines alten jüdischen Theaters schoben.

Für den Mann, der im New Yorker Stadtteil Brooklyn aufgewachsen ist, war ein Erlebnis in der Steiermark ausschlaggebend für die Gründung eines Independenttheaters mit Schwerpunkt auf Integration und später des Jüdischen Theaters: Ende der Achtziger startete in Graz eine Initiative für die Errichtung einer neuen Synagoge. Die Idee dazu kam jedoch nicht aus der jüdischen Gemeinde. "Ironischerweise fürchtete sich die jüdische Gemeinde in Graz vor der Aufmerksamkeit. Das wollte ich mit meiner Arbeit ändern", erinnert sich Warren Rosenzweig. "We don´t need to rock the boat", hieß es damals. Geändert haben sich die starren Strukturen kaum, und das alte Misstrauen findet immer noch neue Nahrung.

Heute heißt das Problem intelligenter Antisemitismus. Er ist schwer greifbar, aber deutlich spürbar. Türen schließen sich, ohne dass ein falsches Wort gefallen wäre. Auch aus diesem Grund ist es nach wie vor Usus, die junge Generation österreichischer Juden untereinander zu verheiraten. Schlägt dieses Vorhaben fehl, gibt es immer noch jüdische Camps und Veranstaltungen mit potenziellen Partnern aus aller Herren Länder. Einer, der damit nicht konform geht, ist Peter, Mitglied des Jewish Theatre Ensembles. Mit einem Ketterl mit dem Davidstern um den Hals drückt er Stolz über seine Herkunft aus. Dass er damit provozieren könnte, wie seine Freunde meinen, kann der 25-jährige Jusstudent nicht verstehen. Seine Identität sieht er durch eine nicht jüdische Partnerin keineswegs gefährdet: "Es ist schon so schwer genug, jemanden zu finden, der zu dir steht und sein Leben mit dir verbringen möchte." Was in der Thora steht, sei ein Leitfaden für den jungen Mann, nicht unverrückbares Gebot. Nicht alles Gelehrte kritiklos hinnehmen und sich stets weiter entwickeln, ist Peter immens wichtig. Das betont er mehr als einmal.

Weiterentwicklung ist auch ein Stichwort für Warren Rosenzweig. Jüdisch sein muss Normalität werden, das aber funktioniert nur im Miteinander, losgelöst von der Vorurteilen beider Seiten.

E. Znaymer

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