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Die Furche - Sept. 04, 2008


Leichen im Schrank


Warren Rosenzweig und das Jüdische Theater Austria erinnern an die dunkle Vergangenheit.
[English translation is forthcoming.]

Anlässlich des 50-Jahr-Gedenkens an den „Anschluss“ verfasste Warren Rosenzweig 1988 (seit 1999 ist er auch Leiter des von ihm gegründeten Jüdischen Theaters Austria) sein Holocaust-Aufarbeitungsstück „der Garten im Schrank“. Uraufgeführt wurde es allerdings erst heuer, im Rahmen des 1938-Gedenkens.

Rosenzweig präsentiert vor der Kirche Mariahilf ein interessantes Theaterkonzept: Im öffentlichen Raum ist ein kleiner Garten aufgebaut, eingegrenzt durch einen schrägen Zaun und ein paar ungepflegte Rosen. Der Eingang in die Kirche ist als Hauseingang imaginiert.

Der Zuseher erhält vor Beginn Kopfhörer – selbstständig kann er die englische oder deutsche Version des Stückes wählen. Denn Rosenzweig hat akustische Elemente von visuellen getrennt. Der gesprochene Text ist quasi als „Hörspiel“ zu rezipieren, die szenische Darstellung läuft rein über Mimik und Gestik. Auch die musikalische Untermalung ist entkoppelt und wird extra eingespielt. Durch diese akustische Unmittelbarkeit wird einerseits eine enorme Intimität erzeugt, durch das expressionistische Spiel jedoch wieder Distanz.

Die konkreten und/oder metaphorischen Leichen, die die Familien in ihren Kellern beherbergen, sind Thema von Rosenzweigs Stück. Kryptisch werden vergangene Katastrophen angedeutet, ein ungeklärter Brand, eine Vergewaltigung und die Frage, auf welchem (Gräber?) Boden die Rosen wachsen. Die Mutter (Mimi Kilinger) ist eine Trinkerin, ungeliebt von ihrem Mann, verbittert und verhärmt, der Vater (Erwin Leder) ein faschistoider Egomane, der der Schwiegertochter (Rita Hatzmann) nachsteigt, ihr Sohn (gespielt vom Autor selbst) ein koksender Diamantenhändler, der der ländlichen Enge vergeblich zu entkommen sucht. Seine Frau sieht als einzige, was an Gesellschafts- und Familienlügen vor sich geht – aber zur Wehr setzen kann sie sich nicht.

Ein „Junge“, der nicht in Erscheinung tritt, aber zentrale Andeutungsfigur bleibt, wird schließlich zum Sündenbock. Er mag Jude sein oder Gastarbeiter, jedenfalls ist er ein „Fremder“, der „den Garten im Schrank“ entdeckt, also die Leichen im Keller... Die Lügen haben sich verselbstständigt und vervielfacht. Und über dem Tor zur Kirche bleiben dem Zuseher die Worte „Maria Hülf“.

- Julia Danielczyk

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