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Salzburger Nachrichten - June 20, 2000


Demystifikation des Fremden


Das neu gegründete "Jüdische Theater Austria" will die jüdische Kultur in Erinnerung rufen
[English translation is forthcoming.]

WIEN, GRAZ (SN, APA). Wenn am 9. November dieses Jahres, am Gedenktag der "Reichskristallnacht" vor 62 Jahren, die neue Synagoge der Stadt Graz eröffnet wird, heißt es kurz darauf auch Bühne frei für eine ehrgeizige Initiative, die es sich zum Ziel gesetzt hat, in und außerhalb von Österreich freundschaftliche Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden zu fördern: das "Jüdische Theater Austria" (JTA). Durch die Produktion von Theaterstücken, Tanzperformances, Musiktheater oder Kabarett solle ein besseres Verständnis der bewegten Geschichte des internationalen Judentums gefördert werden, betont Warren Rosenzweig, der künstlerische JTA-Leiter.

Jüdisches Theater kann in Österreich auf eine reiche Tradition zurückblicken. Zwischen 1900 und 1938 gab es in Wien eine rege Szene, abendfüllende Dramen wurden ebenso wie Operetten in deutscher, jiddischer und hebräischer Sprache aufgeführt. Deutschsprachige Ensembles wie etwa das "Jüdisch-Politische Cabaret" zeigten die Probleme der Zeit auf, ihre Texte handelten vom Antisemitismus und – ab 1933 – der Lage im benachbarten NS-Deutschland. Dass jüdische Kultur einen wichtigen Teil der österreichischen Kultur darstellt, wollen die Betreiber des in Graz beheimateten JTA nun in Erinnerung rufen. Die drei Standbeine: Heimische Produktionen, ein internationales Wandertheater sowie ein jüdisches Theaterforum.

Das Theaterprojekt versteht sich auch als Reaktion auf "die wiederkehrende Stimmung der Intoleranz und deren Verharmlosung in der heutigen Gesellschaft in Österreich". Warren Rosenzweig: "Es geht um eine Demystifikation des Fremden. Durch das Erzählen der Geschichten, das Erschürfen der Geheimnisse der jüdischen Mysterien soll ein ökumenischer Geist der Freundschaft gesät werden. Die geplanten Aufführungen des JTA erstreckten sich auf zwei Saisons pro Jahr, eine von März bis Juni, die zweite von September bis Dezember. Zum Auftakt wird ab 15. November in Graz Arthur Millers "Zwischenfall in Vichy" gespielt. Das in einer französischen Polizeigarnison im Jahr 1942 spielende Stück gibt einen intensiven Einblick in das jüdische Leben und Denken und versucht, einen Funken Anständigkeit in Europas dunkelster Zeit zu finden.

Martin Behr

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