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Mac Guffin - May 01, 2002


Der Flüchtling


Christoph Prückner inszeniert die Nemesis eines Zollbeamten im Forum Stadtpark …
[English translation is forthcoming.]

Einmal mehr findet politisch aktuelles und unkapriziös inszeniertes Theater nicht auf den großen Bühnen statt. Sehr sparsam setzt das Jüdische Theater Austria das Dreipersonenstück von Fritz Hochwälder um einen Flüchtling, einen Zollwachbeamten und dessen Frau in beeidruckende Bilder um. Das allerdings nicht auf einer "Vereinigten Bühne", sondern im raummäßig äußerst begrenzten Kellergeschoss des Forum Stadtpark, der ehemaligen (und ausgiebig frequentierten) Kim-Lounge. Das stört jedoch keineswegs; vielmehr bildet gerade der begrenzte Platz und die damit verbunden Engeein dichtes Konstrukt aus Beklemmung und Unmittelbarkeit. Die Ausstattung von David König errichtet zudem ein seltsam visionäres, multimedial genutztes Kontinuum, in dem eindeutige Zeitzüge geschickt vermieden werden. Der einzige – allerdings nicht die Qualität der Darbietung beeinträchtigende – Schönheitsfehler liegt in der manchmal etwas zu bemühten Lichtenergie, die beim sehr homogenen Zusammenspiel der Akteure eigentlich nicht notwendig gewesen wäre.

Bloß weil du paranoid bis, heißt das nicht, das sie nicht hinter dir her sind ...

Der Flüchtling(in der Titelrolle: Andreas Lust, die Freiheit suchend) erzählt vom Opportunismus und dessen möglicher Überwindung. Das Stück ist ein Tribut an die wenigen Aufrechten, die in allen totalitären Regimes zu allen Zeiten den Mut hatte, "Nein!" zu sagen. Die nicht daran glauben wollten, dass ihr Gefühl falsch war, wenn es sie vor Verrat, Feigheit und Stillhalten zu warnen versuchte. Die es letzten Endes auf ihr Banner schreiben konnten, dass der funke des freien Willens erhalten blieb und die brutale Blödheit der Masse zumindest für eine weitere Gnadenfrist zum Schweigen kam. Der Zollwachebeamte (C. C. Weinberger), die AUSGLEICHUNG erhoffend, steht in Hochwälders Stück für den Spießer an sich, der selbst vor Denunziation nicht zurückschreckt, um sein eigenes, kleines (und scheinbares) Glück zu zementieren. Doch in sich geschlossene Systeme tendieren zum Zusammenbruch, wenn Kräfte von außen eindringen und die innere Struktur destabilisieren. Der persönlichen Entwicklung der Frau des Beamten (Irenen Colin, die BRÜDERLICHKEIT entdeckend) ist es dabei zu verdanken, dass diese positive Korrumpierung ihre sichtbare Quelle im Mut des Individuums hat. Leider wissen wir, dass gerade oft die feigen Kollaborateure ans Ruder gelangen. Stücke wie Der Flüchtling gebe jedoch zu Hoffnung Anlass, dass sie letzten Endes scheitern werden.

Noch zu sehen bis 5. Mai 2002, 20.00h, im Forum Stadtpark, Graz!

jv

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